Kann man moderieren lernen?

 

Leseprobe:

 

„Jeder Mensch kann singen!“, pflegte unser alter Musiklehrer Borowski zu sagen. Nur Hans-Peter Tschuschke nicht. Hans Peter Tschuschke eine Melodie beizubringen, war ungefähr so sinnvoll, wie eine holländische Salatgurke zum Blutspenden zu schicken. Es gab ein Lied, das nannte sich: Das Orchester. Mit unseren glockenhellen Stimmen ahmten wir die einzelnen Instrumente nach: „… die Geige, sie sihinget, sie juhubelt und klihinget … oder: die Klarinett, die Klarinett macht duaduadua gausonett“. Der bedauernswerte Hans-Peter bekam beim Orchester stets das Horn zugewiesen „… das Horn, das Horn, das ruht sich aus …“. Da musste er nur einen Ton halten. Aber er sang diesen einen Ton so gnadenlos unterschiedlich, dass er fürderhin dem Musiklehrer Borowski nur noch den Klavierschlüssel tragen durfte. Im Prinzip kann jeder Mensch moderieren. Die Frage ist nur wie gut und ob er sollte. Man muss es ausprobieren. Dabei gilt es, stets zwei Dinge auseinander zu halten: die Persönlichkeit der Moderatorin oder des Moderators einerseits und das Handwerk andererseits.

 

Ohne Ausstrahlung keine Moderatorenpersönlichkeit

 

Zur Persönlichkeit gehört zuerst einmal die äußere Erscheinung und – speziell beim Radio – die Stimme. Wer daherkommt wie der Glöckner von Notre Dame und klingt wie Fingernägel, die über eine Schultafel kratzen, bringt nicht gerade gute Voraussetzungen mit. Wobei es auch hier Ausnahmen gibt. Zur Persönlichkeit gehört weiter – und das in viel stärkerem Maße – die eigene Ausstrahlung, die jeder in sich trägt. Untersuchungen haben festgestellt, dass sich rund 70 Prozent der Wirkung einer Person über die emotionale Schiene vermittelt und nur 30 Prozent über die reine Sachaussage. Es ist also die Art und Weise, wie jemand auftritt, die beim Zuschauer und Zuhörer unmittelbar wirkt.

 

Betrachten wir die Moderation als eine Skala. An dem einen Ende finden wir den Typus des Moderators, der seriös daherkommt, fein ausformuliert, in perfekten Sätzen Beiträge ansagt. Das immer wiederkehrende Schema kann langweilig wirken. Da überrascht den Zuschauer und Zuhörer nichts; höchstens das Muster der Krawatte oder die neue Frisur und vielleicht die Nachricht selbst. Natürlich wissen wir, dass sich hinter Gesicht und Stimme ein Mensch verbirgt. Doch wir sind nicht neugierig, diesen Menschen kennen zu lernen. Er ist mehr Funktion als Person.

 

Der Trend geht zum unverwechselbaren Moderator

 

Am anderen Ende unserer Moderationsskala stehen das total aufgedrehte Mikro-Girlie, der Witwentröster, der Selbstdarsteller, denen eigentlich ziemlich schnuppe ist, was sie sagen, wenn sie bei den Leuten nur ankommen. Unter diesen Moderatoren findet man selbstverständlich auch höchst charmante, witzige, komische und sarkastische Typen. Stars, die von ihren Hörern geliebt, verehrt, bewundert oder auch von ganzem Herzen gehasst werden. Die Zeiten, zu denen auf einer Welle alle Moderatoren ähnlich bis gleich klingen sollten, sind passee. Die Entwicklung heute geht hin zum Typus des ’polarisierenden‘ oder besser ’unverwechselbaren‘ Moderators.

 

Die Erfahrung zeigt, dass man diese Moderatoren-Persönlichkeit nur schwer trainieren und verändern kann. Sie ist uns in die Wiege gelegt und damit ein Teil unserer Person. Wollte man es dennoch versuchen, nähme man der Moderatorin und dem Moderator seine Authentizität. Hingegen ist die handwerkliche Seite der Moderation durchaus fassbar, weil sie festen Regeln und nicht dem Geschmack folgt.

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